Deutschlands Wälder

Nicht mehr im grünen Bereich

Hitze, Dürre, Stürme: Der deutsche Wald ist dem Klimawandel nicht gewachsen. Wie groß ist das Ausmaß des Waldsterbens 2.0 im Größenvergleich? Wie wirkt das auf unsere Klimabilanz? Rechnen Sie unseren CO₂-Verbrauch in Wälder um.

Der Kölner Königsforst ist gerade in Corona-Zeiten ein unverzichtbares Naherholungsgebiet für die von der Pandemie geplagten Großstädter. Doch seit dem Hitzesommer 2018 ist die grüne Lunge Kölns an vielen Stellen erdig braun statt sattgrün, wie der Satellitenbild-Vergleich zeigt. Denn durch lang anhaltene Dürre ist der Wald ein Hotspot der Borkenkäferplage. Die Schädlinge haben es leicht, den unter Trockenstress stehenden Bäumen den letzten Rest zu geben.

Schätzungsweise 100.000 Fichten sind allein auf den Flächen, die dem Land gehören (80 Prozent des Königsforsts), nach drei Dürre-Jahren und Borkenkäfer-Befall abgestorben. Das sind nach Angaben des Landesforstbetriebs NRW rund 85 Prozent der bisherigen Fichtenbestände. „Das Ausmaß ist schockierend”, sagt Forstwissenschaftler Friedrich Louen vom Landesbetrieb. Mit den Fichten zeigten sich vor allem Forstflächen mit nur einer Baumart als besonders klima-empfindlich.

Alle Faktoren steigen steil an

Wie hier bei Köln sind viele Wälder in Deutschland dem Klimawandel nicht gewachsen. Laut Waldzustandsbericht sind noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984 so viele Bäume abgestorben wie im vergangenen Jahr. Das Thuenen-Institut, das jedes Jahr den Bericht für die Bundesregierung erstellt, bilanzierte Ende Februar, „dass der Klimawandel endgültig und für alle sichtbar im deutschen Wald angekommen ist”.

Alle Faktoren, mit denen Expert*innen den Zustand bewerten, sind seit dem Hitzesommer 2018 steil angestiegen. Der deutsche Wald ist raus aus dem grünen Bereich.

Mittlere Kronenverlichtung
Absterberate
Holzschäden
Was sind Kronenverlichtung, Absterberate und Schadholzmengen?
Die Kronenverlichtung ist eine prozentuale Schätzung, wie viele Blätter oder Nadeln verglichen zu einem vitalen Baum fehlen. Dabei gelten folgende Stufen: keine (bis 10 Prozent), schwache (bis 25 Prozent) und deutliche Verlichtung (ab 26 Prozent, roter Bereich). Die mittlere Kronenverlichtung ist der Mittelwert aller untersuchten Bäume.
Ein Baum gilt als abgestorben, wenn er keine lebenden Nadeln oder Blätter besitzt und das Gewebe im Stamm abgestorben ist. Die Absterberate beziffert den Anteil der Bäume, die seit der letzten Erhebung abgestorben und noch stehend aufzufinden sind. Durch gezielte Fällungen oder Stürme ausgefallene Bäume zählen nicht dazu, sondern zur Ausfallrate.
Schad- oder Totholzmengen sind Schätzungen der Förster*innen und anderer Wald-Verantwortlicher zu der Gesamtmenge an totem Holz, das in einem Jahr entstanden ist. Diese Schätzungen basieren vor allem auf der Menge Holz, das aus geschädigten Wäldern entfernt werden muss oder bereits heraustransportiert wurde.

Wie gesund ein Baum ist, zeigt seine Krone: Je belaubter sie ist oder je mehr Nadeln sie hat, desto besser der Kronenzustand. Und der war insgesamt noch nie so schlecht seit der Erhebung. Alle untersuchten Bäume hatten im Durchschnitt 26,5 Prozent weniger Nadeln oder Laub in der Krone als bei einem gesunden Baum üblich. Mit diesem Wert lag die mittlere Kronenverlichtung erstmals im roten Bereich.

Nur noch jeder fünfte Baum gesund

In deutschen Wäldern gibt es kaum noch Bäume, die nicht leiden: Als gesund gelten solche mit einer Kronenverlichtung von weniger als 10 Prozent. Mittlerweile ist das nur noch jeder fünfte Baum. Anders als bislang steigt auch bei Nadelbäumen die Kronenverlichtung seit 2018 deutlich an.

Bei kompletter Verkahlung gibt es keine Hoffnung mehr, dann ist der Baum tot. Und der Anteil abgestorbener Bäume war 2020 mehr als sechsmal so hoch als noch zwei Jahre zuvor – ein Rekordanstieg bei der Absterberate.

Das Ausmaß der Waldschäden

Diese alarmierende Entwicklung belegt auch die geschätzte Menge an Schadholz, die aus den Wäldern herausgeholt wurde. Für die vergangenen drei Hitzejahre geht das Bundeslandwirtschaftsministerium von insgesamt 171 Millionen Kubikmetern aus.

Sturmschäden (in rot)
Schäden durch Trockenheit und Borkenkäfer (aufgehellt)
Kölner Königsforst: Waldschäden in der Gegend westlich des Monte Troodelöh, der mit 118 Metern höchsten Erhebung Kölns (Satellitenbild)waldinfo.NRW/tim-online.NRW

Wald-Expert*innen haben hochgerechnet, welche Fläche nun aufgeforstet werden muss: Insgesamt sind nach den Schäden der vergangenen drei Jahre laut Bundeslandwirtschaftsministerium 2.772 Quadratkilometer neuer Wald nötig, mehr als die Fläche des Saarlands. Allein 2020 ist laut Bundeslandwirtschaftsministerium die Hälfte dieser riesigen Schadfläche entstanden.

Wie im Kölner Königsforst ist nun überall in Deutschland die Fichte das neue Sorgenkind (44 Prozent mittlere Kronenverlichtung). In Monokultur für Holzgewinnung gepflanzte Baumplantagen reagieren besonders empfindlich. Die aktuelle Waldkrise ist so vor allem eine Forstkrise. Umweltverbände fordern schon seit Jahren eine konsequente Waldwende - von den anfälligen Nadelforsten hin zu naturnahen Laubmischwäldern.

Die verlorene Waldfläche von 2020

Im vergangenen Jahr sind 138.300 Hektar Wald so stark geschädigt worden, dass sie wiederaufgeforstet werden müssen. Diese Fläche entspricht in Summe Berlin, Usedom, dem Frankfurter Flughafen - und dem Königsforst.
Berlin89.168 haKönigsforst2.519 haUsedom44.500 haFlughafen Frankfurt am Main2.160 ha

Wie sich der Klimawandel selbst befeuert

Die Wälder gehen aber nicht nur durch Klimawandel kaputt. Ihr Verlust treibt die Erderwärmung zusätzlich an – weil nun riesige CO₂-Speicher fehlen. Bäume brauchen den Klimakiller zum Leben. Sie verwandeln CO₂ in Kohlenstoff, der im Holz steckt. Laut letzter Bundes-Kohlenstoff -Inventur sind so 412 Tonnen Kohlendioxid in einem Hektar deutschem Wald gebunden – in Form von Kohlenstoff in Bäumen sämtlicher Altersgruppen und ihren umliegenden Pflanzen.

Wald funktioniert aber nicht als unendliche, einseitige CO₂-Umwandlungs-Maschine, sondern auch in die andere Richtung: Den gespeicherten Kohlenstoff geben Bäume auch wieder als CO₂ in die Atmosphäre ab, sobald sie verrotten oder verbrennen – ob als Brennholz oder bei Waldbränden, zu denen es durch die zunehmende Hitze und Trockenheit vermehrt kommt. So befeuert sich der Klimawandel selbst.

Ein Jahr CO₂-Ausstoß steckt in 15,5 Prozent der deutschen Waldfläche

Aufforsten allein wird die zunehmende Erderwärmung nicht stoppen können, auch kein Bäumepflanzen als CO₂-Ausgleich für die letzte Flugreise. Zumindest nicht schnell. Und die Zeit drängt zum Erfüllen des Pariser Klimaziels von 1,5 Grad.

Doch Bäume brauchen Zeit, bis sie zu großen CO₂-Speichern heranwachsen. Allein Deutschlands CO₂-Emissionen eines Jahres (2019: 739 Mio. Tonnen) stecken in 15,5 Prozent der deutschen Waldfläche, deren Bäume durchschnittlich 77 Jahre wachsen mussten.

Unser CO₂-Ausstoß im Waldvergleich – Rechnen Sie die Dimensionen um!

Wie groß ist das Waldstück, in dem das CO₂ eines Urlaubsflugs gespeichert ist? In welcher Waldfläche steckt ein Jahr CO₂-Ausstoß bei der Viehhaltung in Deutschland? Oder bei der Braunkohleproduktion? Wählen Sie ein Beispiel oder jeden beliebigen CO₂-Verbrauch in Tonnen – und sehen Sie das Außmaß in Wald-Äquivalenten.

Gesamtgesellschaftliche Beispiele
Individuelle Beispiele
t CO2

Das entspricht 382.784,2 ha Wald

In dieser Fläche ist die ausgewählte CO₂-Menge im Holz der Bäume durch jahrzehntelanges Wachstum bereits gebunden.
Mehr dazu
Diese umgerechnete Waldfläche entspricht der Kohlenstoffmenge, die durchschnittlich bereits im deutschen Wald steckt (Stand 2017). Dafür musste das Waldstück jahrzehntelang wachsen. Grundlage für die Berechnung sind Ergebnisse der letzten Bundes-Kohlenstoff -Inventur. Danach besteht ein Hektar Wald durchschnittlich aus 114 Tonnen Kohlenstoff in Form von gewachsenem Holz. Für diese Menge müssen 412 Tonnen CO₂ umgewandelt werden.

Hinweis: Die Darstellung zeigt explizit nicht, wieviel CO₂ die Fläche jährlich binden kann (Senkungsfunktion durch jährlichen Holzzuwachs).
Fußball-Torraum –Tragfläche Airbus A320 –Volleyball­feld –Tennisplatz –Basketball­feld –Flügel Boeing 747-400 –Reichstag­skuppel –Bauernkrieg­spanorama –Eishockey­feld –Alte Frankfurter Oper –Fußball­feld –Kölner Dom –Hbf Hamburger –Petersdom –Holocaust-Mahnmal –Pentagon-Innenhof –Deck der Queen Mary II –Haupt­terminal BER –Polofeld –Cheops-Pyramide –Hbf Leipzig –Pentagon –Binnen­alster –Tian’anmen-Platz –Oktober­fest –Vatikan­stadt –Insel Mainau –Messe Hannover –Märzfeld Nürnberg –Bürgerpark Bremen –Helgoland Hauptinsel –Monaco –Großer Tiergarten –Wannsee –Central Park –Englischer Garten –Schluchsee –Wiener Prater –Gibraltar –Tegernsee –Ossiacher See –Hiddensee –Republik Nauru –Königs­forst –Borkum –Attersee –Manhattan –Chiemsee –Sylt –Müritz –Jerusalem –Liechten­stein –Malta Hauptinsel –Gaza­streifen –La Gomera –Wien –Bodensee –Isle of Man –Rügen –Drei-Schluchten-Stausee –Teneriffa –La Réunion –Moskau –Manitoulin –Fünen –Yosemite –Mallorca –Vänersee –Graubünden –Südtirol –Kreta –Volta-Stausee –Korsika –Zypern –Hawaii –Kosovo –Montenegro –Nordirland –Nieder­österreich –Krüger-Nationalpark –Israel –Sizilien –Belgien –Baikalsee –Schweiz –Kroatien –Victoriasee –Tschechien –Oberer See –Österreich –Irland –Weißes Meer –Südkorea –Island –Groß­britannien –Great Barrier Reef –Polen –Ostsee –Kalifornien –Nordsee –Frankreich –Texas –Türkei –Nigeria –Ägypten –Kolumbien –Alaska –Mexiko –Grönland –Algerien –Mittelmeer –Western Australia –Indien –Europäische Union –Australien –Brasilien –China –USA –Kanada –Antarktis –Arktischer Ozean –Russland –Südamerika –Pluto –Triton Neptunmond –Nord­amerika –Afrikanische Union –Afrika –Mongolisches Reich –Mond –Asien –Bayern –Nieder­sachsen –Baden-Württemberg –Nordrhein-Westfalen –Brandenburg –Mecklenburg-Vorpommern –Hessen –Sachsen-Anhalt –Rheinland-Pfalz –Sachsen –Thüringen –Schleswig-Holstein –Saarland –Berlin –Hamburg –Bremen –Deutschland –


Datenquellen: Waldzustandsbericht 2020 (Kronenverlichtung, Absterberate), BMEL (Schadholzmengen), Bundeskohlenstoff-Inventur (CO2-Rechner), Umweltbundesamt (CO2-Beispiele) und weitere Beispiele aus dem Buch "How Bad Are Bananas?"
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Salzgitter Zeitung, 20.05.2021
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